Hej Co-Founder, ich muss dir was zeigen: zwei Sätze, die im April an mich gerichtet wurden. Beide von Menschen, die es gut mit mir meinen. Ich habe zu dem einen schnell Nein gesagt und den anderen reifen lassen.
Der erste Satz
Benny leitet die Fortbildungseinrichtung, an der ich seit ein paar Jahren alle paar Monate ein KI-Seminar geben darf. Er schreibt mir an einem Montag im April sie würden ein großes neues Programm aufsetzen. Es ginge um vier Monate Lehre von Montag bis Freitag, fest für vier Stunden am Tag. Und er würde sich freuen, wenn ich als Headcoach einsteige.
Meine erste Reaktion: Echte, unmittelbare Lust. Die Lehre macht mir voll Spaß. Plus: Mit der Aussicht auf Wiederholung sehe ich darin auch eine tolle dauerhafte Beauftragung.
Ich schicke ihm zehn Fragen dazu: Wie sieht das Curriculum aus? Wann geht's los? Gibt es schon Übungen und Folien? Wie viele Stunden kostet mich das wohl über die reine Präsenzzeit hinaus?
Er antwortet ehrlich, und das rechne ich ihm hoch an. Fertiges Material: gibt es nicht. Bezahlter Aufwand: 20 Stunden pro Woche. Realistischer Aufwand: eher das Doppelte mit der ganzen Vor- und Nachbereitung der Unterrichtseinheiten.
Ich sitze mit der Mail da und rechne. Es geht um 5.000 € im Monat. Für 20 Stunden die Woche würde man als Freiberufler richtig gutes Geld verdienen. Für 40 Stunden ein ok-es Geld. Für meine junge Familie wäre das ein wichtiges Signal der Stabilität.
Aber ich habe halt auch schon einen 40h-Job, der mir auch noch Spaß macht. Und ich wende meine Zeit derzeit für eine ganze Vielzahl an Projekten auf – für Shelfd, Mediapreneur, St. Audio, den REC Club und diesen Blog.
Kurz: Aus einem gut bezahlten Halbtagsjob wäre mein ganzes Arbeitsleben geworden.
Ich denke echt darüber nach, denn es geht hier richtig um was. Weil das Geld eben gut ist. Weil es planbar ist, jeden Monat, ohne dass ich es mir jedes Mal neu erarbeiten muss. Ich stelle mir vor, wie ich meiner Frau erkläre, dass ich eine sichere Sache ausschlage – in einem Jahr, in dem ich gerade dabei bin, eine sechsstellige Investition abzuschreiben (Replay).
Und dagegen steht nichts, was ich damals genau formulieren konnte. Nur ein mulmiges Bauchgefühl. Ich habe gelernt auf solche Signale zu hören, wenn sie mir begegnen.
Allein Shelfd hat mich zehn Jahre nicht nur getragen, auch getrieben. Wenn von 543 Newsletter-Ausgaben keine einzige ausfällt und man Umzüge, Krankheiten, eine Pandemie und die Geburt meiner Tochter „einfach so“ wegsteckt (okay, nichts davon ist spurlos an mir vorbeigezogen). Jeden Freitag gab es neue Empfehlungen von uns. Ich bin darauf immer noch unheimlich stolz. Aber es hat mich auch aufgebraucht und meine Energie musste ich mir zunehmend in anderen Projekten zurückholen. Etwa im Austausch mit Podcaster*innen, mit denen ich persönlich arbeiten konnte. Meine Couch-Zielgruppe hat ihre Gedanken nie zu mir getragen – da gab es schlicht keinen Energieaustausch.
Außerdem habe ich in den zehn Jahren fast zu jeder guten Idee Ja gesagt. So wurden aus einem Newsletter irgendwann zehn, dazu Filter, Kollektionen, ein Award, ein Erinnerungskalender, ein „Letzte Chance“-Feed... Jede einzelne Entscheidung war für sich genommen richtig. Doch am Ende konnte uns niemand mehr erklären, wofür Shelfd eigentlich steht. Nicht mal die Mitglieder, die uns seit Jahren bezahlt haben.
Bennys Angebot war gut. Genau deshalb saß ich für ein paar Tage daran fest.
Am Mittwoch um 20:01 Uhr sage ich ihm ab.
Was ich dazuschreibe: Falls ihr mal ein ähnliches Programm für die Mediapreneur-Richtung aufsetzt, für unabhängige Medienschaffende, dann meldet euch unbedingt, da hätte ich große Lust drauf. Und weil er jetzt kurzfristig jemanden braucht, empfehle ich ihm noch eine Adresse mit qualifizierten Trainerinnen.
Es vergingen zwei Tage vom Angebot bis zum Nein.
Der zweite Satz
Im selben Monat sitze ich in einem Coaching-Call mit Kato. Wir reden über St. Audio, mein Podcast-Tool, das seit Jahren in der Beta liegt und über das ich hier im Februar noch geschrieben habe, dass ich nicht weiß, ob es noch nicht fertig oder schon aufgebraucht ist.

Kato sagt einen Satz: Denk das Ding doch mal komplett als KI-Input.
Ich nicke. Finde es interessant – aber mache nicht sofort etwas damit. Der Satz landet in keiner Liste. Er kriegt keinen Task, kein Ticket, kein Datum.
Was in der Zwischenzeit passiert:
- Am 02. Mai schalten wir die Shelfd-Plattform ab (Replay). Neun Jahre nach dem Launch, fast auf den Tag genau. Ich habe im Monat davor allen bestehenden Mitgliedern gekündigt, Menschen, die uns jahrelang Geld gegeben haben, und ihnen geschrieben, dass wir uns einmal technisch komplett neu aufstellen.
- Sechs Tage später verkauft sich unser erster Mediapreneur-Guide zum 30. mal. Ein kleiner, fokussierter Video-Kurs, den Sören und ich in ein paar Wochen gebaut haben.
- Daneben läuft der ganz normale Wahnsinn einfach weiter. Jeden Freitag ein neues Shelfd Magazin.
- Jeden Montag der Wochenstart im REC Club.
- Alle paar Wochen ein Live-Talk.
- Zwei Kolumnen im Monat.
Katos Satz liegt weiter rum.
Anfang Juni sitze ich dann mit meinen Entwicklern zusammen und wir reden über die Zukunft von St. Audio. Woran die Beta seit Jahren knappst: Niemand trägt seine Podcast-Gedanken zu uns ins Studio. Die Leute denken längst woanders – im Chat mit der KI ihrer Wahl, mitten zwischen der Produktion neuer Folgen und der Weiterentwicklung des Formates. An dem Tag stellen die Entwickler fest, dass technisch nichts dagegen spricht, unseren ganzen Methodenkatalog genau dorthin zu bringen, per MCP-Server direkt in die KI-Umgebung der Leute. Und ich begreife die volle Tragweite, die Kato schon im April gesehen hatte:
Ich muss gar kein Tool bauen, zu dem die Leute kommen. Ich kann eins bauen, das mit ihnen reist, dahin, wo ihre Gedanken ohnehin schon sind. So ganz in echt.
Da fing ihr Satz an, richtig zu ziehen.
Ein paar Tage später der erste Testlauf: Ich sitze in Claude und kann auf alle Methoden aus dem St. Audio Studio zugreifen. Einfach so, im Gespräch. Ich starre auf den Bildschirm und muss grinsen – als hätte ich hier was Magisches vollbracht.
In meinen Notizen steht hinter diesem Eintrag ein Grinse-Smiley „:D“. Ich habe später mal nachgezählt: In sechs Monaten Aufzeichnungen, was bei mir so passiert ist, kommt diese Zeichen-Kombination genau dreimal vor. (Ich hatte keine Ahnung, dass ich mir da nebenbei eine Landkarte male.)
Keine Chance, dass Katos Satz im April schon diese Zugkraft hätte auslösen können. Manche Dinge brauchen einfach ihre Zeit.
Was dazwischen an der Wand hängt
Über meinen Geburtstag im Juni sind wir drei Tage weggefahren. Kurztrip, nichts Großes. Meine Frau hat in der Zeit ein Aquarell gemalt: mich, beim ersten Seebad mit unserer Tochter.
Ich liebe es und hänge es mir sofort groß aufgezogen ins Büro. Als Reminder, wofür ich jeden Tag so fleißig bin. Klar arbeite ich auch einfach gerne. Aber ich kann mir meine Zeit weitgehend frei einteilen und einfach mal drei Tage wegfahren. Was für ein Luxus.
Im April habe ich noch eine halbe Woche gegrübelt, ob ich meiner Familie gegenüber verantworten kann, sicheres Geld auszuschlagen. Jetzt schaue ich von meinem Bildschirm auf und sehe uns am See. Und ich verstehe, dass ich das Nein nicht trotz meiner Familie gesagt habe, sondern für genau die Art zu leben, die auf diesem Bild hängt (und was es für mich aussagt).
Ende Juli
In meinem Kalender steht jetzt ein dicker, fetter Blocker an. Eine Woche, die nur St. Audio gehört. Fünf Tage, eine Sache, sonst nichts. Dazu ein direkter Draht zu meinen Entwicklern.
Hinter der Woche steht in meinen Notizen auch schon „:D“.
Im April habe ich einen bezahlten Halbtags-Vollzeit-Gig abgelehnt. Im Juli schenke ich einem Projekt ohne nennenswerten Umsatz eine ganze Woche. Derselbe Kalender, dasselbe halbe Jahr, und wenn du mir das im April vorausgesagt hättest, hätte ich dir erklärt, dass ich mir das nicht leisten kann für ein Projekt, das keinerlei Gewissheit auf Erfolg verspricht.
Ich habe da lange draufgeschaut und überlegt, ob das leichtsinnig ist. Vielleicht. Aber ich weiß inzwischen, wie sich der Moment anfühlt, in dem ich zu etwas Ja sage, weil es eben gut ist. Ich habe jetzt 12 Jahre lang Übung darin als Selbstständiger und Mediapreneur.
Vielleicht ist das die ganze Sache: Bennys Angebot ließ sich vorher auf- und ausmalen. Jede Stunde, jeder Euro, jede Kontur, vier Monate im Voraus. Katos Satz hatte kein Datum, keine Zahl, keine Verpflichtung. Er lag zwei Monate rum und fing dann an zu ziehen.
Das eine hätte mich beschäftigt. Das andere trägt mich gerade.
Im April konnte ich nur spüren, dass etwas nicht stimmt. Ich musste noch ein paar Monate weiterbauen, um zu wissen, dass ich richtig entschieden habe.
Deshalb kam hier übrigens auch lange kein Post. Solange man mittendrin steht, hat man nichts zu erzählen. Zumindest geht das mir so.
Jetzt schreibe ich wieder, wenn ich etwas fertig gedacht habe. Seit ein paar Wochen habe ich Lust drauf, und ich habe in diesem halben Jahr gelernt, dass das die brauchbarste Information ist, die ich kriegen kann.
Weitermachen,
David
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