Hej, ich muss dir was zeigen: die schwerste Entscheidung, die ich bei Shelfd je getroffen habe.
Im Februar 2026 haben wir einen radikalen Neustart gemacht. Aus der Empfehlungsplattform mit 3.821 kuratierten Titeln wurde ein wöchentliches Streaming-Magazin für bewussten Medienkonsum.
Statt täglich neue Empfehlungen gibt es jetzt genau fünf Mediathekentipps pro Woche – und eine Handvoll persönlicher Kolumnen und Einordnungen.
Das klingt nach frischem Wind, Fokussierung und Strategie.
Und das ist es auch.
Aber es ist auch etwas anderes: Loslassen von 9 Jahren Arbeit an einer Website, in deren Entwicklung ich über 100.000€ investiert habe. Aber es ist auch Loslassen von einem System, das mal funktioniert hat – und jetzt aufgebraucht war.
💡 Wenn dich die ganze Geschichte dahinter interessiert – wie ich zu dieser Entscheidung gekommen bin, was sich konkret bei Shelfd ändert und warum – lies den Artikel zum Neustart:.

Hier geht es um etwas anderes.
Hier geht es um die Frage, die mich seitdem nicht loslässt (pun intended):
Warum ist Loslassen so schwer – selbst wenn ich rational weiß, dass es richtig ist?
Die Sunken-Cost-Falle erkenne ich – aber das hilft nicht
Als INTJ habe ich „Sunken Cost“ hundert Mal analysiert. Vergangene Investitionen sollten zukünftige Entscheidungen nicht beeinflussen. So steht es im Lehrbuch.
Aber dann scrolle ich durch unsere tausenden von Empfehlungen und sehe nicht Datenbankeinträge – ich sehe Liebe. Jede einzelne wurde händisch ausgewählt, verschlagwortet, vorgestellt und kontextualisiert.
Das waren nicht einfach Klicks. Das war ein Statement: „Diese Inhalte verdienen Aufmerksamkeit.“
Und jetzt sage ich: Das war richtig – für 2015 bis 2024. Aber spätestens in 2025 war das System aufgebraucht.
Die inneren Stimmen
In meinem Kopf ploppen lauter Fragen auf...
- „Hättest du früher stoppen sollen?“
- „Waren die letzten Jahre mit dem Projekt nur verschwendet?“
- „Hast du es einfach nicht gut genug gemacht?“
Die INTJ-Antwort ist klar: Nein. Das System war richtig – für seine Zeit. Es hat funktioniert. Es hat Sinn gemacht. Aber Systeme können aufgebraucht sein, ohne dass sie je falsch waren.
Das Problem?
Das zu WISSEN hilft nicht gegen das GEFÜHL.
Was andere sagen (und warum es nicht hilft)
Die geläufigen Creator-Weisheiten kenne ich alle:
- „Don't give up!“ – Aber wann ist es Durchhaltevermögen, wann Sturheit?
- „Fail fast!“ – Aber 9 Jahre sind nicht fast.
- „Pivot, don't quit!“ – Das ist genau, was ich mache – warum fühlt es sich trotzdem nach Scheitern an?
Niemand redet über das emotionale Gewicht hinter rationalen Entscheidungen.
Alle feiern den Mut zum Neustart. Niemand erzählt von den Nächten, in denen du zweifelst, ob du nicht doch einfach härter hättest arbeiten sollen...
Die Identitätsfrage
Vergangenen Sommer habe ich über meine DVD-Sammlung geschrieben und mich gefragt: „Waren wir die letzten Sammler*innen?“. Die stand zum zweiten Mal beim Umzug bereit. Zum zweiten Mal die Frage: Warum nehme ich die mit?

Die Antwort damals: Weil sie mal „Das bin ich“ waren. Weil jede Scheibe eine bewusste Kaufentscheidung war. Weil sie meine Identität abbildeten.
Das Problem: Sie sind nicht mehr „Das bin ich“ – sie sind „Das war ich“.
Genau wie Shelfd 2015-2024.
Es war meine Identität: ein Streameast, der mit Haltung kuratiert. Der Gründer, der ein soziales Netzwerk rund um Streaming-Inhalte bauen wollte.
Und jetzt muss ich akzeptieren: Es war richtig -– und jetzt ist es vorbei.
Die unbequeme Frage: Wie viel von meinem Festhalten war aus Liebe zum Projekt – und wie viel aus Angst, loszulassen, wer ich mal war?
Die 100.000€
Nicht alles war umsonst. Ich weiß das. Rational.
Aber emotional? Wenn ich an die 100.000€ denke, die in die alte Website geflossen sind? Das tut einfach nur weh.
Nicht nur das Geld, sondern was es repräsentiert: Glauben an eine Idee. Commitment. Durchhaltevermögen.
Und jetzt sage ich: „Die Idee war gut, aber die Umsetzung ist aufgebraucht.“
Das fühlt sich an wie: Ich habe 9 Jahre in eine Richtung gearbeitet – und jetzt gehe ich halt woanders damit hin.
Auch wenn die neue Richtung die richtige ist – der Schmerz über die alte bleibt.
Die Frage, die nicht verschwindet
Bei Shelfd war die Entscheidung am Ende klar.
Die Daten waren eindeutig. Die Umfrage im August 2025 hat es bestätigt: 99 Antworten, die alle in verschiedene Richtungen zeigten, weil niemand mehr verstand, wofür Shelfd eigentlich steht.
Ich WEISS, dass der Neustart als Magazin richtig ist.
Aber bei den anderen Projekten?
St. Audio liegt seit Jahren in der Beta. Ist das „noch nicht fertig“ oder schon „aufgebraucht vor dem Start“?
REC Club läuft mit 70+ Mitgliedern. Wir starten jeden Montag zusammen in die Woche – aber nur 2-3 Regulars erscheinen immer. Ist das nachhaltig oder die eine Baustelle zu viel?
Mediapreneur ist vor einem Monat mit 100 Abonnent*innen (= Medienschaffende, die unabhängig publizieren) gelauncht und steht nach nur vier Ausgaben schon bei 144. Ist hier grad das Momentum und müsste ich nicht voll reingehen?
Die ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht. Noch nicht.
Die INTJ-Qual
Als Architekt will ich WISSEN. Ich will die Daten. Ich will Sicherheit.
Ich will nicht raten. Ich will nicht hoffen. Ich will analysieren und entscheiden.
Die emotionale Wahrheit: manchmal musst du entscheiden, bevor du alle Daten hast.
Und das fühlt sich falsch an – selbst wenn es richtig ist.
Meine Lektion
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis hinter der Shelfd Entscheidung:
Nicht, WANN man loslässt. Sondern dass es okay ist, wenn es schwerfällt – selbst wenn du weißt, dass es richtig ist.
Dass Ratio und Emotion nicht immer synchron laufen.
Dass du ein System lieben UND wissen kannst, dass es vorbei ist.
Dass 9 Jahre nicht verschwendet sind, nur weil sie nicht zum erwarteten Ergebnis geführt haben.
Und dass die Unsicherheit bei meinen Projekten Teil des Prozesses ist.
Ich weiß nicht, ob sich für Shelfd jetzt wirklich etwas verändert mit der Neuausrichtung. Ich weiß nicht, ob St. Audio jemals ein profitables Business wird, wohin der REC Club mal wächst und ob ich nicht immer noch zu wenig Zeit in den Mediapreneur investiere (im Januar mit 43,6% den Großteil meiner Zeit pro Projekt).
Aber ich weiß jetzt, dass „noch nicht wissen“ grad völlig okay ist.
Und dass ich bei Shelfd die richtige Entscheidung getroffen habe – auch wenn sie wehtut.
Woran erkennst DU, ob du noch baust – oder schon festhältst? Antworte mir gerne auf diese Mail.
Weitermachen,
David
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